„Ich war immer überzeugt davon, dass wir die Kurve kriegen“

Eine ereignisreiche Premierensaison in der Ersten Regionalliga liegt hinter den Basketballern des Eimsbütteler TV. Eine Saison mit spannender Storyline, aber auch mit Happy End: dem Klassenerhalt. Trainerin Sükran „Süki“ Gencay über die Herausforderung der neuen Liga, den Wendepunkt der Spielzeit und die größte Überraschung in ihrem Team.

Süki, wenn Du die vergangene Saison mit einem Wort beschreiben müsstest, welches wäre das? (überlegt lange) Puuh, das ist schwierig. Ich würde sagen: Achterbahnfahrt. Und wie fällt ein etwas ausführlicheres Resümee aus?Nach dem schweren Start ist es schon was sehr Besonderes, was wir geschafft haben, mit der Truppe und unter den Rahmenbedingungen. Hut ab vor allen Beteiligten. Es war wirklich nicht einfach.

Was hattest Du erwartet vor der Saison?Ich hatte schon gedacht, dass wir von Anfang an konkurrenzfähig sind. Es ist schwierig für jeden Sportler und jeden Trainer, wenn man zuerst immer verliert. Aber wir sind nie richtig deklassiert worden, deswegen war ich immer davon überzeugt, dass wir die Kurve kriegen. Wir haben dann im sechsten Spiel den ersten Sieg geholt, danach aber gleich wieder starke Gegner gehabt. Allerdings waren auch zwei Kontrahenten dabei, die wir zu Hause hätten schlagen können. Wir haben zweimal knapp verloren, da wusste ich, dass es schwer werden würde. In der Winterpause habe ich die Jungs bestärkt, dass wir in die Liga gehören und dass wir nicht aufgeben dürfen.

Und was passierte dann? Unser Lehrgeld aus der Hinrunde hat sich ausgezahlt. Wir haben weniger Fehler gemacht, auch ich als Coach.  Gab es einen Wendepunkt während der Saison? Es gab mehrere, deswegen auch Achterbahnfahrt. Der erste Sieg war wichtig (88:80 gegen Wusterhausen). Wir hatten aber auch Tiefs wie kurz darauf in Göttingen, als wir schlecht gespielt haben und mit 20 nach Hause geschickt wurden. Die lange Saison war irgendwie Fluch und Segen zugleich. Wie meinst Du das? Weil sie sehr lang war, war sie mega anstrengend für alle. Auf der anderen Seite hatten wir nach Niederlagen kaum Zeit zu grübeln, wir mussten uns immer sofort aufs nächste Spiel konzentrieren. Nach dem 96:83 gegen Aschersleben zum Start ins neue Jahr wussten wir endgültig: Da geht was. Das Momentum zum Rückrundenstart war ganz wichtig. Wenn wir da nicht wie die Feuerwehr gestartet wären, wäre es noch härter geworden.

Was war die größte Herausforderung in der neuen Liga? Das Niveau in der Ersten Regionalliga ist deutlich höher: Mehr Tempo, technisch versiertere Spieler und vor allem viel bessere Schützen. Es gab nicht wie in der Zweiten Regionalliga Teams, wo man vorher wusste, dass man zwei Punkte holt. Selbst bei einem 20-Punkte-Vorsprung konnte man sich nie sicher sein, dass man gewinnt. Drei, vier Dreier – und das Spiel kippt. Wir mussten in der Hinrunde lernen, die Härte und Intensität anzunehmen. Es musste am Ende wegen der unklaren Tabellenkonstellation ja viel gerechnet werden. Konntet ihr den Klassenerhalt überhaupt richtig genießen? Nicht so richtig. Leider gab es kein Spiel, wo wir die Korken knallen lassen konnten. Aber es sind natürlich alle happy. Ich nehme den Klassenerhalt auch so gerne mit (lacht).

Ihr bekamt zu Beginn der Saison mit Tyseem Lyles aus New York eine wertvolle Verstärkung. Was hat er für euch bedeutet? Er hat wirklich unglaubliche individuelle Skills, das sah man sofort. Aber man muss einen so wichtigen Spieler auch erst einmal integrieren. Die Mannschaft hat das gut gemacht. Es hat gedauert, bis Tyseem seinen Rhythmus gefunden hat, auch an der Seite von Vid (Uzkuraitis), der auch relativ viel den Ball hat. Auf einem so organisierten Niveau hat er auch noch nicht gespielt. Wird er bei euch bleiben?Wir tun alles dafür. Er will bleiben und fühlt sich sehr wohl bei uns, beim ETV, insgesamt in Hamburg. Er möchte gerne langfristig etwas im ETV machen und ich hoffe, wir finden gemeinsam eine Lösung. Eine Herausforderung ist noch die Sprache. Solange er nicht Deutsch sprechen muss, wird er es auch nicht so schnell lernen.

Gibt es jemanden im Kader, der Dich besonders überrascht hat? Ja, mehrere (überlegt lange). Am meisten glaube ich Fabi (Fabian Paetsch). Er hat sich im Laufe der Saison als Geheimwaffe in der Defense entpuppt. Er hat oft den besten Spieler des Gegners verteidigt und uns damit häufig den A… gerettet – neben seinen Qualitäten als Schütze. Dafür, dass wir kaum Erfahrung auf diesem Niveau hatten, haben es wirklich alle sehr gut hingekriegt, vor allem die Härte anzunehmen.

In Deutschland gibt es keine Frau, die Männer in einer höheren Liga trainiert. Wie war die erste Saison in der Ersten Basketball-Regionalliga für Dich persönlich? Ich bin natürlich happy, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Aber so richtig genießen konnte ich die Saison nicht, weil es einfach eine sehr lange und intensive Zeit war. Vielleicht haben wir auch etwas zu früh mit der Vorbereitung begonnen. Zwischendurch zweifelt man auch mal an sich selbst, ob man vielleicht was falsch macht. Man führt Kriege mit sich, muss aber versuchen, alles auszublenden, auch die vielen Sprüche und Ratschläge, die da kommen. Eigentlich perlt das immer gut an mir ab, aber wenn sich der Negativtrend verstärkt, hört man natürlich doch mal hin. Viele Trainerkollegen in der Liga machen das hauptamtlich, das musste ich mir manchmal vor Augen halten. Angesichts der Umstände bin ich daher ganz zufrieden. Man entwickelt sich ja auch während einer Saison.

Hast Du mal richtigen Druck gespürt oder Dir selber Druck gemacht? Ja, doch, muss man schon sagen. Ich bin nicht existenziell abhängig vom Job, aber ich dachte immer: Wir haben so eine gute Truppe, die darf einfach nicht absteigen. Die ist zu gut dafür. Da habe ich Verantwortung gespürt, die Klasse zu halten. Das wäre zu enttäuschend gewesen, wenn wir abgestiegen wären. Was nimmt man mit in die neue Saison, Du persönlich und ihr als Mannschaft? Ein Problem war, dass ich vor allem an Heimspieltagen noch sehr viel drum herum zu tun hatte.  Da ich auch Abteilungsleiterin im Verein bin, konnte ich nicht zu meinem „Chef“ gehen und sagen: Kannst Du bitte mal gucken, das läuft nicht. Ich muss und möchte mehr Verantwortung abgeben, insbesondere was die Themen außerhalb des Basketballfeldes angeht. Generell habe ich enorm viel gelernt, vor allem was die Spielvorbereitung mit deutlich mehr Material angeht (Video, Scouting) oder auch wie man eine Mannschaft durch ein Tief führt. Die Spieler haben diese Saison vor allem nach der Winterpause einen sehr starken Charakter und Willen gezeigt. Wir haben als Team erlebt, was wir gemeinsam mit der richtigen Einstellung schaffen können und ich denke diese Erfahrung hat uns alle einen großen Schritt nach vorne gebracht.

Gibt es ein langfristiges Ziel für den ETV in der Liga? Erst mal, sich dort zu etablieren, als Mannschaft, die nicht immer gegen den Abstieg kämpft. Und dann irgendwann mal angreifen. Wollt ihr euch nicht mal einen Spitznamen zulegen? (lacht) Da hab ich auch schon mal drüber nachgedacht. Ich bin offen für Anregungen, aber es muss schon zu uns passen. Nicht irgendwie ETV Elephants oder so … Wir begeben uns gerade auf Sponsorensuche, vielleicht machen wir mal einen Wettbewerb für den schönsten Namen.

Das Interview zum Saisonabschluss führte Christian Jess

91:85-Sieg in Vechta – ETV-Basketballer schaffen Klassenerhalt

Nicht mal höhere Mathematik kann verhindern, dass die Basketballer vom Eimsbütteler TV auch in der kommenden Saison in der Ersten Regionalliga auf Korbjagd gehen werden. Ein  91:85 (38:40)-Sieg bei Rasta Vechta II machte den Klassenerhalt für die Hamburger nach langem Rechnen perfekt.

Manchmal müssen Basketball-Helden auch Rechen-Genies sein. So wie die des Eimsbütteler Turnverbandes. Erst durch intensiven Einsatz des Taschenrechners wussten sie nach dem 91:85-Sieg bei der Zweitvertretung von Bundesliga-Überraschungsteam Rasta Vechta: Sie sind nicht mehr vom rettenden 11. Tabellenplatz zu verdrängen  und haben somit ihre Premierensaison in der Ersten Regionalliga mit dem Klassenerhalt gekrönt!

Das komplizierte Rechenexempel sah so aus: Einzig die Baskets Hannover-Langenhagen (12.) und die Cuxhaven Baskets (13.) konnten den ETV noch von der Anzahl an Siegen (12) einholen. Da Cuxhaven aber wegen der Fast-Insolvenz während der Saison ein sogenanntes Sternchen in der Tabelle hat, bleibt Hannover. Gegen diesen Gegner hat der ETV jedoch den direkten Vergleich gewonnen, hätte also im Normalfall immer die Nase vorn. Und selbst wenn aus dem Zweier- ein Dreiervergleich o.ä. mit einem der davor liegenden Mannschaften werden sollte (Bergedorf, Neustadt und Aschersleben haben ebenfalls bislang 12 Siege auf ihrem Konto), könnten die Korbjäger aus dem Herzen von Eimsbüttel aufgrund der Begegnungen mit diesen Teams nicht mehr ins Gras beißen. (Die ganze Regionalliga-Tabelle gibt es hier.) Mit einem Sieg bei den fünftplatzierten Rendsburg Twisters am 13. April könnte der ETV eine überragende Rückrunde mit bislang lediglich vier Niederlagen abrunden und auch gedanklich in den Feiermodus übergehen.

Denn: „So ein richtig befreiendes Gefühl wollte sich vor Ort nicht einstellen“, sagte Headcoach Sükran Gencay nach der Partie in Westniedersachsen. Zu groß war noch die Unsicherheit und auch die Anspannung in der Partie, die bis zur Halbzeitpause hart umkämpft war. Dann jedoch eroberten sich die Hamburger mit einem 10:0-Lauf eine 48:38-Führung, die sie später gar bis auf 18 Zähler (75:57) ausbauen und bis ins Ziel verteidigen sollten. Beste Werfer waren Vidmantas Uzkuraitis (32), Tyseem Lyles (27) und Marcel Hoppe (19), Vladimir Migunov herrschte mit zehn Rebounds unter den Körben. Eine komplette Statistik des Spiels in Vechta gibt es hier, die Partie zum Nachlesen im Play-by-Play-Report gibt es hier.

Menü schließen