ETV und das Coronavirus: Aufstieg in der WhatsApp-Gruppe

Die Regionalliga-Basketballer des Eimsbütteler TV sind am Ziel ihrer Träume, allerdings auf ganz und gar ungewollte Art und Weise. Wegen der derzeit alles bestimmenden Corona-Pandemie ist ihre Saison vorzeitig beendet – und damit Meisterschaft und Aufstieg in die Zweite Liga ProB perfekt.

Die Nachricht kam per WhatsApp. Über den allseits beliebten Messaging-Dienst verbreitete Sükran „Süki“ Gencay am Sonntag, den 22. März 2020 die frohe Kunde an ihr Team: Wir sind Meister! Meister in der Ersten Basketball-Regionalliga Nord und damit berechtigt zum Aufstieg in die BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProB, die dritthöchste deutsche Spielklasse. Zuvor war die Trainerin selbst von der Ligaleitung per E-Mail über den wohl ungewöhnlichsten Meistertitel in der Geschichte der Regionalliga informiert worden. Aber was ist schon gewöhnlich in Zeiten des Coronavirus. In Zeiten einer Pandemie, die Tausende Menschenleben kostet und bei der der Sport gänzlich in den Hintergrund tritt.

„Es ist natürlich eine scheiß Situation“, gibt Headcoach Süki zu. „Es fehlt irgendwie DER Moment. Aber wir freuen uns trotzdem.“ Zu Recht! Mit 19:1 Siegen dürfen sich die Korbjäger aus dem Herzen Hamburgs als verdienter Meister fühlen, auch wenn sie theoretisch bei vier verbliebenen Spielen noch von der Tabellenspitze hätten verdrängt werden können. „Wir haben  schon ein bisschen gerechnet. Mit drei Siegen hätten wir am vorletzten Spieltag zu Hause gegen Königs Wusterhausen mit den eigenen Fans die Meisterschaft feiern können“, erklärt Gencay. Ein Samstagsspiel, 18.30 Uhr – ideale Voraussetzungen für eine rauschende Aufstiegsparty. Stattdessen nun der kontaktlose Jubel am Smartphone. Äußerst ärgerlich für engagierte Sportler, komplett bedeutungslos im Vergleich zu den derzeitigen Einschränkungen des täglichen Lebens und dem Existenzkampf vieler Corona-Betroffener.

Zur Erinnerung: Erst vor gut zwei Jahren hatte der ETV den Sprung in die Erste Regionalliga geschafft. Dass jetzt bereits der nächste Triumph folgt, ist angesichts der ambitionierten und teils zahlungskräftigen Konkurrenz nicht weniger als eine Sensation. „Der Sieg in Womirstedt Anfang Februar war ein Riesenschritt“, erinnert sich Süki an das 92:86 in der Höhle des Verfolgerlöwen. „Danach hab ich erste Gespräche mit dem Gesamtvorstand und der Zweiten Liga geführt, ob ein Aufstieg realistisch wäre.“ Auch das Team wurde offen und ehrlich informiert. Die Message: Wir wollen Meister werden, aber eine Aufstiegsgarantie kann keiner geben.

Die Gespräche mit dem Vorstand um Vereinschef Frank Fechner – selbst Stammgast bei den Heimspielen der ETV-Korbjäger – seien immer sehr offen gewesen, so Süki. „Man stand immer hinter uns und hat von Anfang registriert, welche Energie von den Basketballern investiert wurde.“ Das wurde jetzt mit der zugesagten Unterstützung beim Abenteuer ProB honoriert. „Allerdings war immer klar, dass wir halbwegs auf eigenen Füßen stehen müssen.“ Heißt: Der bereits vorhandene Sponsorenpool muss ausgebaut werden, erste positive Signale gibt es bereits. Bis zum 15. April 2020 müssen nun die Lizenzunterlagen eingereicht, finanziell und organisatorisch einige Schippen draufgelegt werden. Rund 20.000 Euro werden in die neue Spielstätte am Lokstedter Steindamm investiert, unter anderem in eine neue Korbanlage und eine Anzeigetafel. Im Sportzentrum Hoheluft finden rund 500 Zuschauer Platz, Mindestanforderung für die ProB. Bislang besuchten meist 200 bis 300 Fans die Spiele im Basketball-„Wohnzimmer“ an der Hohen Weide, Tendenz steigend.

„Die Halle war ein großes Thema bei den Planungen. Nach Wandsbek beispielsweise wollten wir auf keinen Fall. Ich bin sicher, dass die Leute auch an die Hoheluft kommen werden“, gibt sich Trainerin Gencay zuversichtlich. Folgerichtig wäre es, sahen die Eimsbütteler Freunde der gepflegten Korbjagd doch in der nun abgebrochenen Saison teils begeisternden Power-Basketball ihrer Lieblinge. „Die Jungs haben sich alle enorm entwickelt. Es ist eine Mischung aus gesammelter Erfahrung und einem tollen Zusammenhalt im Team. Jeder kennt seine Rolle“, lobt Gencay. Das bestätigt auch Tyseem Lyles, mit 25,8 Punkten im Schnitt mit Abstand bester Werfer der gesamten Liga: „Die anfänglichen Schwierigkeiten haben uns noch näher zusammengebracht. Alle haben hart gearbeitet und gemerkt: Wenn jeder seinen Job macht, können wir alles erreichen.“ Der überragende US-Guard aus Brooklyn trug mit Ex-Profi Vidmantas Uzkuraitis (35; mit 22 Punkten pro Spiel zweitbester Regionalliga-Score) das Team im Angriff meist auf seinen Schultern und wurde wenig überraschend zum Spieler des Jahres in der Ersten Regionalliga Nord gewählt. Coach des Jahres wurde ebenso erwartungsgemäß Sükran Gencay, Uzkuraitis wurde European Player of the Year und landete ebenso wie Tyseem  im Allstar Team. Außerdem wurde Marcel  Hoppe ins All-Domestic Players Team gewählt.

Denn Youngster Marcel Hoppe (22; 15,9 Punkte) steigerte sich extrem im Vergleich zur Vorsaison, andere im Team taten es ihm gleich. Das Firepower-Duo Ty und Vid soll natürlich auch in der kommenden Saison das Eimsbütteler Team anführen, dann unter anderem im Lokalderby gegen den SC Rist Wedel. Die Chancen stehen offenbar gut, ihr Verbleib in Hamburg sei „sehr wahrscheinlich“, so Süki. Überhaupt solle der Kern der Mannschaft gehalten, das Team nur punktuell verstärkt werden: „Die verstehen sich alle super. Das sind einfach tolle Jungs!“

Aber all das ist noch weit weg. Erst mal gilt es, die wohl größte Krise in der deutsche Nachkriegsgeschichte zu überstehen. Damit die nächsten Erfolge nicht über WhatsApp vermeldet werden müssen, sondern auf dem Spielfeld gefeiert werden können.

Christian Jeß

 

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